Während die europäische Politik noch darüber debattiert, wie Lootboxen und Gacha-Systeme künftig reguliert werden sollen, hat Nintendo längst gehandelt. Schon 2023 zog sich das Unternehmen aus einem Geschäftsmodell zurück, das viele andere Publisher bis heute verteidigen – und setzte damit ein deutliches Zeichen: Spielspaß soll auf Können, nicht auf Zufall beruhen. Der Fall Mario Kart Tour zeigt exemplarisch, wie früh Nintendo die Richtung vorgab, in die nun auch die Regulierungsbehörden steuern wollen.
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Die Rubine von Mario Kart Tour
Als Mario Kart Tour im Herbst 2019 für iOS und Android erschien, führte Nintendo erstmals eine virtuelle Premium-Währung ein: Rubine. Sie konnten durch In-Game-Aktivitäten – etwa Ranglistenbelohnungen oder Missionen – verdient oder per Echtgeld im App-Store gekauft werden.
Rubine waren notwendig, um Rohre abzufeuern – das Herzstück des Spielsystems. Hinter jedem Rohr verbarg sich ein zufälliger Fahrer, ein Kart oder ein Gleiter. Diese Form des Pipe Pulls entsprach einem klassischen Gacha-System, wie man es aus asiatischen Mobilegames kennt. Spieler wussten nie genau, was sie erhalten würden – der Reiz des Unbekannten trieb viele zu weiteren Käufen an.
Vom Zufall zur Transparenz
Im September 2022 kündigte Nintendo überraschend an, das Gacha-System vollständig zu entfernen. Einen Monat später, im Oktober 2022, wurde es durch einen Shop mit festen Inhalten ersetzt: Statt auf Glück zu hoffen, konnten Spieler nun klar ersichtlich auswählen, welche Figuren oder Fahrzeuge sie erwerben wollten. Die Rubine blieben zwar als In-Game-Währung bestehen, dienten aber nur noch dem transparenten Kaufprozess.
Schließlich folgte der konsequente Schlussstrich: Im April 2023 stellte Nintendo den Echtgeldverkauf endgültig ein. Seitdem existieren Rubine ausschließlich als erspielbare Währung. Der Online-Support des Spiels wurde 2024 stark reduziert – ein leiser Abschied von einer umstrittenen Phase der Monetarisierung.
Strategische Entscheidung
Nintendos Rückzug war keine kurzfristige Reaktion, sondern Ausdruck einer grundsätzlichen Unternehmensphilosophie. Während viele Wettbewerber Lootboxen weiterhin als lukrative Einnahmequelle betrachten, positionierte sich Nintendo bewusst als Gegenpol. Der Konzern entschied sich für Transparenz statt Täuschung, Belohnung durch Leistung statt Bezahlung für Zufall. Damit nahm Nintendo eine Haltung ein, die mittlerweile auch die europäische Gesetzgebung einfordert: klar erkennbare Kosten, nachvollziehbare Chancen und Schutz junger Spieler.
Die Entscheidung von 2023 wirkt im Rückblick fast visionär. Denn erst jetzt, Ende 2025, laufen auf EU-Ebene konkrete Trilog-Verhandlungen über den Umgang mit glücksspielähnlichen Mechaniken in Videospielen. Vorgesehen sind strengere Transparenzpflichten, Kennzeichnungsvorgaben und Minderjährigenschutzbestimmungen – Maßnahmen, die Nintendo faktisch schon umgesetzt hatte, bevor sie verpflichtend wurden.
Debatte um Lootboxen nimmt Fahrt auf
Die europäische Diskussion dreht sich um drei juristische Kernkriterien, nach denen Lootboxen als Glücksspiel gelten können:
- Einsatz eines geldwerten Vorteils, z. B. Echtgeld oder kaufbare virtuelle Währung
- Zufallsmechanismus ohne gesicherte Gegenleistung
- Erhalt von Objekten mit wirtschaftlichem Wert, handelbar, verkäuflich oder spielentscheidend
Sind alle drei Bedingungen erfüllt, fällt das System potenziell unter das Glücksspielrecht. Während Belgien und die Niederlande solche Mechaniken also bereits einschränkten oder verboten, setzen Großbritannien und Deutschland inzwischen auf strenge Kennzeichnungs- und Transparenzpflichten. Dass Nintendo seine Rubine schon 2023 aus dem Verkehr zog, ist deshalb mehr als ein Einzelfall – es ist ein Präzedenzbeispiel für eine präventive, verantwortungsbewusste Marktstrategie.
Transparenz als neue Leitlinie
Gerade im europäischen Raum verschärft sich der Blick auf die psychologische Wirkung solcher Zufallsmechaniken. Lootboxen und Gacha-Systeme sprechen dieselben Belohnungsmechanismen im Gehirn an wie Glücksspielautomaten – ein Risiko insbesondere für Minderjährige. Deshalb fordern Verbraucherschützer, dass digitale Spiele künftig vergleichbaren Transparenz- und Alterskontrollen unterliegen wie regulierte Online-Casinos.
In der Praxis bedeutet das: klare Angaben über Gewinnwahrscheinlichkeiten, Kennzeichnungspflichten im Store und – bei Echtgeldfunktionen – sogar KYC-Prüfungen, wie sie im Zahlungsverkehr längst Standard sind. Während klassische Glücksspielanbieter, darunter lizenzierte Online-Casinos, bereits solchen Regeln folgen, operieren viele andere Anbieter außerhalb dieser Märkte – häufig ohne umfassende Registrierungspflichten. Das hat zur Folge, dass auch kein Melderegister LUGAS involviert ist, das in Deutschland ausschließlich für lizenzierte Online-Casinos und Sportwetten eingesetzt wird. Dort werden Einsätze und Limits überwacht – fehlt diese Kontrolle, entstehen Grauzonen, in denen der Nutzerschutz anders sichergestellt werden muss.
Gerade vor diesem Hintergrund wirkt Nintendos bewusster Verzicht auf In-Game-Zufallskäufe doppelt konsequent: Er ersparte dem Unternehmen nicht nur juristische Risiken, sondern stärkte auch das Vertrauen jüngerer Spieler und Eltern. Damit wird deutlich: Wer früh auf Transparenz setzt, handelt nicht nur regelkonform, sondern auch markenstrategisch klug.
Mario bleibt frei von Echtgeldmechaniken
Bis heute sind alle Hauptserien-Titel – von Super Mario Bros. Wonder über Mario Kart 8 Deluxe bis Super Mario Odyssey – frei von jeglichen Echtgeld- oder Zufalls-Kaufsystemen. Münzen, Sterne und Items haben ausschließlich spielmechanischen Wert. Selbst neue Spiele auf der Switch 2, wie Mario Kart World oder Super Mario Galaxy + Galaxy 2 Edition, setzen konsequent auf klassische Progressionssysteme: Wer mehr spielt, erreicht mehr – nicht, wer mehr bezahlt.
Während andere Publisher noch um ihre Monetarisierungsmodelle ringen, hat Nintendo längst Fakten geschaffen. Der Konzern beweist, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht auf psychologisch manipulativen Mechanismen beruhen muss. Mit über 140 Millionen verkauften Switch-Konsolen und einer stark wachsenden Switch-2-Basis zeigt Nintendo, dass Vertrauen und Markenintegrität langfristig profitabler sind als kurzfristige Gacha-Erlöse.
Quellen:
https://mk-tour.fandom.com/wiki/Rubie
https://www.dualshockers.com/mario-kart-tour-how-get-free-rubies/
https://www.nintendolife.com/news/2022/09/mario-kart-tour-to-remove-gacha-elements-next-month
https://www.gamesradar.com/mario-kart-tour-ends-gacha-in-favor-of-a-fortnite-style-item-shop/
https://www.gamedeveloper.com/business/nintendo-is-removing-i-mario-kart-tour-i-s-gacha-mechanic
https://en.wikipedia.org/wiki/Loot_box
https://icon-era.com/blog/nintendo-switch-lifetime-sales-statistics-2025.239/
https://vgfb.be/loot-boxes-in-belgium/
https://www.globalpolicywatch.com/2023/02/upcoming-eu-legislation-on-loot-boxes/
https://www.vixio.com/insights/gc-dutch-politicians-pushing-loot-box-ban