Wario ist zurück – und dieses Mal steigt er höchstpersönlich in seine eigenen Spiele ein. WarioWare: Get It Together! bringt die hektische Mikrospiel-Reihe auf die Nintendo Switch und verändert grundlegend, wie die nur wenige Sekunden langen Aufgaben gelöst werden. Statt unmittelbar einen Gegenstand zu bewegen oder im richtigen Moment eine Taste zu drücken, steuert man Wario und seine Freunde als kleine Figuren durch jedes Mikrospiel.
An der verrückten Grundidee ändert sich wenig: Eine knappe Anweisung erscheint, die Zeit läuft sofort und innerhalb weniger Augenblicke muss klar sein, was zu tun ist. Mal wird eine Zahnpastatube ausgedrückt, mal ein Nasenhaar entfernt oder ein Gegenstand vor dem Absturz bewahrt. Mehr als 200 solcher Mikrospiele warten in der Sammlung. WarioWare bleibt schnell, albern und unberechenbar – verlangt durch seine unterschiedlichen Figuren diesmal aber deutlich mehr Umdenken.
Ein Käfer im eigenen Spiel
Wario hat mit seiner Firma WarioWare, Inc. ein neues Videospiel fertiggestellt. Als die Konsole plötzlich nicht mehr richtig funktioniert, werden er und seine Mitarbeiter in die selbst entwickelte Spielwelt gesogen. Dort treiben Programmfehler in Form kleiner Käfer ihr Unwesen. Um wieder nach Hause zu gelangen, muss die Gruppe beschädigte Bereiche reparieren und ihre verstreuten Freunde einsammeln.
Die einfache Geschichte dient hauptsächlich dazu, neue Themen, Mikrospiele und spielbare Figuren einzuführen. Kurze Zwischensequenzen setzen auf übertriebene Animationen, absurde Situationen und Warios bekannte Mischung aus Selbstüberschätzung und Geldgier. Als humorvoller Rahmen funktioniert die Handlung gut, auch wenn man keine besonders umfangreiche Erzählung erwarten sollte.
Neben Wario treten zahlreiche bekannte Mitarbeiter seiner Firma auf. Dazu gehören unter anderem Mona, Ashley, Young Cricket, 9-Volt, 18-Volt, Dr. Crygor und Orbulon. Jede Figur verfügt über eine eigene Bewegungsart und genau eine besondere Aktion. Dadurch unterscheiden sich die Charaktere nicht nur optisch, sondern verändern den Lösungsweg eines Mikrospiels teilweise vollständig.
Eine Aufgabe, viele Lösungswege
Fast alle Figuren werden lediglich mit dem Analogstick und einer Aktionstaste kontrolliert. Die Herausforderung liegt nicht in komplizierten Tastenkombinationen, sondern darin, die Eigenheiten des gerade ausgewählten Charakters innerhalb weniger Sekunden richtig einzusetzen.
Wario schwebt mit seinem Jetpack durch die Umgebung und führt eine seitliche Rammattacke aus. Young Cricket bewegt sich am Boden und springt besonders hoch. Ashley fliegt auf ihrem Besen und verschießt Magie, während Mona automatisch mit ihrem Roller über den Bildschirm rast und einen lenkbaren Bumerang wirft. 18-Volt bleibt dagegen an einer Position stehen, feuert Scheiben in verschiedene Richtungen und zieht sich an besonderen Ringen durch das Bild.
Diese Unterschiede geben selbst einfachen Aufgaben eine neue Ebene. Soll ein Schalter gedrückt werden, kann Wario direkt dagegenfliegen, Cricket von unten hinspringen oder Ashley aus sicherer Entfernung einen Zauber abfeuern. Im Storymodus wird vor einem Abschnitt ein kleines Team zusammengestellt. Zwischen den Mikrospielen wechselt die aktive Figur, sodass dieselbe Aufgabe plötzlich einen ganz anderen Ansatz verlangt.
Das verhindert, dass sich sämtliche Mikrospiele allein durch Auswendiglernen erledigen lassen. Gleichzeitig funktioniert nicht jede Kombination gleich gut. Frei fliegende Figuren oder Charaktere mit Geschossen sind häufig vielseitiger als Kämpfer mit automatischer Bewegung. Besonders 9-Volt, der ununterbrochen auf seinem Skateboard hin- und herfährt und nur nach oben angreifen kann, verwandelt manche Aufgabe in einen Kampf gegen die Steuerung.
Grundsätzlich sind die Mikrospiele auf die verschiedenen Figuren vorbereitet. Trotzdem entsteht ein spürbares Ungleichgewicht. Die Wariopädie zeigt sogar an, wie gut ein bestimmter Charakter zu einer Aufgabe passt. Das macht die Unterschiede nachvollziehbar, verhindert aber nicht, dass eine ungünstige Figurenwahl eine ansonsten erfolgreiche Rekordjagd beenden kann.
Die einzelnen Themenwelten bestehen aus schnellen Folgen mehrerer Mikrospiele. Mit jedem Erfolg erhöht sich das Tempo, bis am Ende eine längere Bossaufgabe wartet. Mehrere Fehler sind erlaubt. Sind alle Versuche verbraucht, kann der Abschnitt neu begonnen oder gegen Münzen fortgesetzt werden. Der Storymodus führt die Figuren verständlich ein und schaltet nach und nach weitere Charaktere und Spielbereiche frei.
Besonders gelungen ist der kooperative Modus. Die Geschichte kann lokal zu zweit gespielt werden – entweder auf derselben Konsole oder über eine lokale Verbindung zwischen zwei Switch-Systemen. Beide Teilnehmer befinden sich gleichzeitig im Mikrospiel und müssen die Aufgabe gemeinsam lösen.
Manchmal reicht es, wenn einer der Spieler das Ziel erfüllt. In anderen Situationen stehen sich die Figuren gegenseitig im Weg, stoßen wichtige Gegenstände fort oder greifen gleichzeitig die falsche Stelle an. Aus diesem kontrollierten Chaos entstehen die unterhaltsamsten Momente des Spiels.
Die kurzen Zeitlimits lassen kaum Raum für lange Absprachen. Stattdessen muss improvisiert werden – und häufig wird gemeinsam über ein spektakuläres Scheitern gelacht. Für Einsteiger ist die Kombination aus unbekannter Aufgabe und ständig wechselnder Figurensteuerung allerdings anspruchsvoller als in älteren Serienteilen.
Nach ausreichendem Fortschritt in der Geschichte wird das Variety Pack freigeschaltet. Dort können bis zu vier Spieler in zehn längeren Partyvarianten gegeneinander oder miteinander antreten. Dazu gehören unter anderem Air-Hockey, Volleyball und Wettkämpfe, bei denen Mikrospiele unter zusätzlichen Störfaktoren gelöst werden müssen.
Die Auswahl eignet sich gut für kurze Runden auf dem Sofa, erreicht aber nicht den Umfang eines eigenständigen Partyspiels. Einige Varianten sorgen sofort für Chaos und Schadenfreude, während andere nach mehreren Durchgängen an Reiz verlieren.
Einen vollwertigen Online-Mehrspieler gibt es nicht. Der Wario Cup präsentiert stattdessen wechselnde Herausforderungen und Online-Ranglisten. Mal zählt eine möglichst hohe Punktzahl, mal muss eine vorgegebene Abfolge besonders schnell bewältigt werden. Das erweitert die Highscore-Jagd, ersetzt aber keinen gemeinsamen Online-Spielabend.
Absichtlich zusammengewürfelt
WarioWare: Get It Together! bleibt dem chaotischen Stil der Reihe treu. Die Mikrospiele wechseln innerhalb weniger Sekunden zwischen Kritzeleien, einfachen 3D-Modellen, Fotografien, Retro-Grafik und bewusst billig wirkenden Animationen. Gerade diese Mischung verleiht der Sammlung ihre besondere Persönlichkeit.
Die Spielfiguren wurden als ausdrucksstarke 3D-Modelle umgesetzt, behalten aber ihre überzeichneten Formen und Bewegungen. Auch bei hohem Tempo bleibt das Geschehen meistens gut lesbar. Sowohl im Handheld- als auch im TV-Modus läuft das Spiel stabil. Auffällige technische Probleme oder störend lange Ladezeiten bremsen die schnellen Runden kaum aus.
Musik und Geräusche treiben das Tempo wirkungsvoll an. Kurze Sprachbefehle geben das jeweilige Ziel vor, während sich die Begleitung mit steigender Geschwindigkeit beschleunigt. Die deutsche Fassung enthält außerdem kurze gesprochene Ausrufe der Figuren. Eine umfangreiche Sprachausgabe sollte man allerdings nicht erwarten.
Kurz erzählt, lange gejagt
Die eigentliche Geschichte kann innerhalb weniger Stunden abgeschlossen werden. Für ein Spiel, das hauptsächlich von überraschenden Aufgaben und neuen Figuren lebt, wirkt die Kampagne deshalb knapp. Der Abspann ist allerdings nicht das tatsächliche Ende.
Wer alle Mikrospiele entdecken möchte, muss die Themenwelten mehrfach besuchen. Zusätzliche Missionen verlangen bestimmte Punktzahlen, erfolgreiche Durchgänge mit verschiedenen Figuren oder das Erreichen besonderer Ziele. In der Wariopädie können bereits gefundene Mikrospiele einzeln aufgerufen und gezielt geübt werden.
Münzen lassen sich für Geschenke ausgeben, die anschließend an die Figuren verteilt werden. Dadurch steigen diese im Level auf und erhalten zusätzliche Farben, Illustrationen oder Titel. Ihre eigentlichen Fähigkeiten verändern sich dadurch nicht, doch Komplettisten bekommen weitere Ziele. Hinzu kommen der Wario Cup, lokale Mehrspielermodi und die Jagd nach persönlichen Rekorden.
Wie lange WarioWare motiviert, hängt stark von der Spielweise ab. Wer lediglich die Geschichte sehen möchte, erhält ein kurzes Abenteuer. Wer sämtliche Mikrospiele freischaltet, Missionen abschließt und regelmäßig mit Freunden spielt, kann deutlich länger beschäftigt sein.
Für reine Einzelspieler bleibt das Gesamtangebot dennoch überschaubar. Gerade im Vergleich zu WarioWare Gold, das Inhalte aus mehreren Serienteilen mit einer größeren Anzahl an Mikrospielen verband, wirkt Get It Together! stärker auf seine neue Figurenmechanik und den lokalen Mehrspieler konzentriert.
Fazit
WarioWare: Get It Together! wagt die richtige Art von Experiment. Die direkte Steuerung von Wario und seinen Freunden verändert die bekannte Mikrospiel-Formel spürbar, ohne ihren schnellen und herrlich absurden Kern zu verlieren. Eine Aufgabe kann mit jeder Figur anders ablaufen, wodurch selbst bekannte Mikrospiele nach mehreren Durchgängen noch überraschen.
Der Preis dafür ist ein ungleichmäßigeres Spielgefühl. Nicht jede Figur eignet sich gleich gut für jede Aufgabe und manche Kombinationen wirken eher umständlich als clever. Auch die kurze Kampagne und der fehlende Online-Mehrspieler begrenzen das Gesamtpaket.
Seine größte Stärke zeigt Get It Together! gemeinsam auf dem Sofa. Der kooperative Storymodus und die Partyvarianten verwandeln kleine Fehler in große Lacher. Solospieler erhalten eine unterhaltsame Highscore-Jagd, sollten aber Freude daran haben, Aufgaben zu wiederholen und Ergebnisse zu verbessern.
Für Fans der Reihe ist Warios Switch-Debüt eine charmante Weiterentwicklung. Neueinsteiger müssen etwas mehr lernen als früher, bekommen dafür aber eine Mikrospiel-Sammlung, die mit wenigen Tasten erstaunlich viele verrückte Situationen erzeugt.