Bevor Paper Mario und Mario & Luigi eigene Rollenspielreihen begründeten, wagte Nintendo gemeinsam mit Square bereits 1996 ein ungewöhnliches Experiment. Super Mario RPG: Legend of the Seven Stars verband das Pilz-Königreich mit rundenbasierten Kämpfen, Erfahrungspunkten und einer Gruppe spielbarer Helden. Das Original erschien damals nicht regulär für europäische SNES-Konsolen. Mit Super Mario RPG erhält der Klassiker nun eine vollständig überarbeitete Fassung für Nintendo Switch.
Das Remake bleibt seinem Vorbild ausgesprochen treu. Gebiete, Figuren, Handlung und grundlegender Spielablauf wurden nahezu vollständig übernommen. Neue 3D-Grafik, überarbeitete Musik, Teamattacken und komfortablere Kampffunktionen sollen das Abenteuer gleichzeitig an heutige Erwartungen anpassen.
Das Ergebnis ist ein charmantes und angenehm kompaktes Rollenspiel, das sich besonders für Einsteiger eignet. Erfahrene Genre-Fans müssen allerdings mit einem niedrigen Schwierigkeitsgrad und einer vergleichsweise kurzen Reise leben.
Ein Schwert stürzt vom Himmel
Zu Beginn scheint alles seinen gewohnten Verlauf zu nehmen. Bowser entführt Prinzessin Peach und Mario eilt zu dessen Festung, um sie zu befreien. Noch während der Auseinandersetzung stürzt jedoch ein gigantisches Schwert namens Exor vom Himmel. Es rammt sich in Bowsers Festung, zerstört die Sternenstraße und verteilt sieben Sternenteile über die gesamte Welt.
Durch das Ereignis übernimmt die sogenannte Smithy-Gang Teile des Pilz-Königreichs. Mario muss die verstreuten Sternenteile zurückholen, damit Wünsche wieder erfüllt werden können. Seine Reise führt ihn durch Wälder, Minen, Abwasserkanäle, Küstengebiete und ein Königreich über den Wolken.
Unterwegs schließen sich vier ungewöhnliche Gefährten an. Mallow hält sich zunächst für einen Frosch, obwohl sein wolkenartiges Aussehen deutliche Zweifel daran weckt. Geno ist ein hölzerner Spielzeugkörper, der von einem Beschützer der Sternenstraße zum Leben erweckt wurde. Später kämpfen außerdem Peach und sogar Bowser an Marios Seite.
Die Geschichte bleibt spoilerfrei betrachtet einfach, wird aber durch ihren Humor und die eigenwilligen Figuren getragen. Mario erzählt Ereignisse mit übertriebenen Pantomimen nach, Bowser versucht trotz zahlreicher Rückschläge seine Würde zu bewahren und mehrere Nebenfiguren verhalten sich deutlich merkwürdiger als die üblichen Bewohner des Pilz-Königreichs.
Super Mario RPG erzählt keine besonders tiefgründige Handlung. Dafür hält sich das Spiel nicht lange mit Erklärungen auf und führt regelmäßig neue Schauplätze oder Figuren ein. Die kompakte Struktur sorgt dafür, dass das Abenteuer nur selten an Tempo verliert.
Rundenkämpfe mit dem richtigen Timing
Beim Erkunden wird Mario aus einer isometrischen Perspektive gesteuert. Er läuft durch kleinere Gebiete, spricht mit Bewohnern, öffnet Truhen und springt über Plattformen. Gegner sind direkt in der Umgebung sichtbar. Eine Berührung startet einen rundenbasierten Kampf, zufällige Begegnungen gibt es nicht.
Im Kampf treten drei Figuren gleichzeitig an. Zur Auswahl stehen normale Angriffe, Spezialfähigkeiten, Gegenstände und eine Verteidigungsaktion. Jede Figur übernimmt eine erkennbare Rolle. Mario ist ein vielseitiger Angreifer, Mallow verwendet Wetterzauber und kann heilen, Geno verursacht hohen Schaden und Bowser setzt auf körperliche Stärke. Peach besitzt besonders wirkungsvolle Heil- und Unterstützungsfähigkeiten.
Die Spezialangriffe aller Figuren greifen auf einen gemeinsamen Vorrat an Blumenpunkten zurück. Dadurch muss abgewogen werden, ob die Punkte für Marios Sprung, Genos Angriffe oder Peachs Heilung eingesetzt werden. Neue Ausrüstung erhöht Werte wie Angriff, Verteidigung oder Magiestärke. Nach einem Stufenaufstieg kann zudem ein zusätzlicher Bonus ausgewählt werden.
Seine besondere Dynamik erhält das Kampfsystem durch Aktionskommandos. Wird während eines Angriffs im richtigen Moment die A-Taste gedrückt, erhöht sich der verursachte Schaden. Auch gegnerische Treffer können durch gutes Timing abgeschwächt oder vollständig abgewehrt werden. Spezialfähigkeiten verlangen teilweise schnelle Tasteneingaben, das Halten einer Taste oder kreisende Bewegungen mit dem Analogstick.
Das System verhindert, dass man während der rundenbasierten Kämpfe nur Menüs bestätigt. Jede Waffe besitzt einen eigenen Rhythmus. Ein Hammer muss zu einem anderen Zeitpunkt verstärkt werden als Marios Fäuste oder Genos Schüsse. Die Zeitfenster sind zunächst durch ein Ausrufezeichen leichter zu erkennen. Mit zunehmender Erfahrung verschwindet diese Unterstützung.
Perfekt ausgeführte normale Angriffe treffen in der Switch-Fassung zusätzlich alle Gegner. Erfolgreiche Aktionskommandos erhöhen außerdem eine Kettenanzeige, die der Gruppe kleinere Statusverbesserungen verleiht. Gleichzeitig füllt sich eine Aktionsleiste für die neuen Dreier-Aktionen.
Ist die Leiste voll, führen die drei aktiven Figuren eine gemeinsame Spezialattacke aus. Der Effekt hängt von der Teamzusammenstellung ab. Manche Kombinationen verursachen hohen Schaden, andere unterstützen oder heilen die Gruppe. Die Attacken werden durch kurze Filmsequenzen begleitet und gehören zu den auffälligsten Neuerungen des Remakes.
Ebenfalls neu ist der Figurenwechsel während eines Kampfes. Sobald mehr als drei Helden zur Verfügung stehen, können Gruppenmitglieder ausgetauscht werden, ohne dass dafür eine komplette Runde verloren geht. So lässt sich Peach für eine Heilung einwechseln oder Bowser gegen einen körperlich anfälligen Gegner einsetzen. Mario bleibt allerdings dauerhaft Teil der aktiven Gruppe.
Diese Verbesserungen machen das Kampfsystem flexibler, senken aber auch den Schwierigkeitsgrad. Normale Gegner bereiten auf der standardmäßigen Einstellung nur selten ernsthafte Probleme. Wer Aktionskommandos zuverlässig beherrscht und regelmäßig neue Ausrüstung kauft, kann viele Auseinandersetzungen schnell beenden.
Für Rollenspiel-Neulinge steht zusätzlich der Modus „Entspannt“ zur Verfügung. Dort werden Kämpfe leichter und Figuren steigen schneller auf. Zwischen den Schwierigkeitsgraden kann jederzeit gewechselt werden. Einen anspruchsvolleren Modus oberhalb der normalen Einstellung bietet das Spiel dagegen nicht.
Minispiele und Erkundung sorgen für Abwechslung
Super Mario RPG besteht nicht ausschließlich aus Kämpfen. Regelmäßig warten kurze Geschicklichkeitsaufgaben und Minispiele. Mario fährt in einer Lore durch eine Mine, rast einen Fluss hinunter oder verfolgt Gegner auf Yoshis Rücken. Einige Aktivitäten können später erneut besucht werden, um Münzen oder besondere Belohnungen zu erhalten.
Auch in den normalen Gebieten werden Marios bekannten Fähigkeiten eingesetzt. Versteckte Blöcke, Sprungpassagen und kleine Rätsel erinnern daran, dass hier weiterhin ein Jump-’n’-Run-Held unterwegs ist. Durch die feste isometrische Kameraperspektive lässt sich allerdings nicht immer genau erkennen, wo Mario nach einem Sprung landen wird.
Nebenaufgaben werden nur selten in einem eigenen Menü festgehalten. Viele Geheimnisse entstehen durch Gespräche, versteckte Wege oder ungewöhnliche Aktionen. Dazu gehören ein geheimes Kasino, Musikrätsel und ein besonders anspruchsvoller optionaler Gegner. Das Spiel belohnt Spieler, die bereits besuchte Orte erneut untersuchen.
Wie eine lebendige Spielzeugwelt
Die neue Grafik übernimmt die gedrungenen Proportionen des SNES-Originals und übersetzt sie in eine detaillierte 3D-Welt. Figuren wirken dadurch wie kleine Spielfiguren. Mallow verformt sich bei Angriffen, Bowser reagiert mit übertriebener Mimik und Geno bewegt sich weiterhin deutlich wie eine zum Leben erwachte Puppe.
Neue Filmsequenzen heben wichtige Momente hervor, ohne den ursprünglichen Stil zu verdrängen. Eine vollständige Sprachausgabe gibt es nicht. Die Geschichte wird weiterhin über Textfenster, Animationen und einzelne Geräusche erzählt.
Technisch läuft Super Mario RPG überwiegend flüssig und zielt auf 60 Bilder pro Sekunde. In einzelnen Gebieten mit viel Wasser sowie bei Übergängen aus den Dreier-Aktionen können kurze Einbrüche auftreten. Diese Schwankungen sind sichtbar, beeinflussen das rundenbasierte Spielgeschehen aber kaum.
Der Soundtrack wurde von der ursprünglichen Komponistin Yoko Shimomura neu arrangiert. Viele Stücke verwenden nun deutlich vollere Instrumente, behalten aber ihre bekannten Melodien. In den Einstellungen kann jederzeit zwischen der modernen Fassung und der originalen SNES-Musik gewechselt werden. Nach Abschluss des Spiels steht außerdem ein eigener Musikspieler bereit.
Kurz, aber angenehm konzentriert
Die Hauptgeschichte lässt sich je nach Erkundung und Erfahrung in ungefähr zwölf bis 15 Stunden abschließen. Damit ist Super Mario RPG deutlich kürzer als viele moderne Rollenspiele. Die Reise enthält aber nur wenige künstliche Verlängerungen und führt beinahe ständig in ein neues Gebiet.
Nach dem Abspann können sieben stärkere Bossvarianten herausgefordert werden. Diese Kämpfe verlangen ein besseres Verständnis der Ausrüstung und Aktionskommandos als die Hauptgeschichte. Hinzu kommen die Suche nach versteckten Schätzen, Minispielrekorde, ein Gegnerlexikon und besonders schwierige Herausforderungen wie 100 aufeinanderfolgende Supersprünge.
Eine umfangreiche neue Kampagne oder alternative Handlung bietet das Remake nicht. Wer das Original bereits auswendig kennt, erhält vor allem eine modernisierte und komfortablere Fassung desselben Abenteuers.
Fazit
Super Mario RPG zeigt auch Jahrzehnte später, warum Marios erster Rollenspielausflug zahlreiche spätere Ableger beeinflusst hat. Die Mischung aus rundenbasierten Kämpfen, Aktionskommandos, Plattformpassagen und leicht verständlicher Charakterentwicklung funktioniert weiterhin hervorragend.
Besonders die ungewöhnliche Gruppe sorgt für den eigenen Charme. Mallow und Geno passen ebenso selbstverständlich in die Welt wie der widerwillig mitkämpfende Bowser. Die kurzen Dialoge, ausdrucksstarken Animationen und ständig wechselnden Schauplätze halten das Abenteuer über seine gesamte Laufzeit unterhaltsam.
Die neue Grafik und der überarbeitete Soundtrack modernisieren das Original, ohne dessen Persönlichkeit zu verlieren. Figurenwechsel, Dreier-Aktionen und zusätzliche Bosskämpfe sind sinnvolle Ergänzungen. Gleichzeitig fällt der normale Schwierigkeitsgrad durch diese Verbesserungen noch niedriger aus. Erfahrene Rollenspieler werden erst nach dem Abspann stärker gefordert.
Für Neueinsteiger und Mario-Fans ist Super Mario RPG trotzdem eine klare Empfehlung. Das Spiel erklärt sein Genre verständlich, verzichtet auf unnötig komplizierte Systeme und erzählt eine kompakte Reise voller Humor. Kenner des Originals erhalten eine liebevoll gestaltete Neuauflage, sollten aber keine vollständige Neuerfindung erwarten.