Mehr als zehn Jahre nach New Super Mario Bros. U bekommt Marios klassische 2D-Reihe endlich ein vollständig neues Abenteuer. Super Mario Bros. Wonder hält zunächst an der bekannten Grundlage fest: Mario und seine Freunde laufen durch seitlich scrollende Level, springen auf Gegner und erreichen am Ende den Fahnenmast. Schon nach wenigen Minuten wird jedoch deutlich, dass Nintendo dieses Mal deutlich mehr wagt.
Wunderblumen verändern komplette Level, Röhren beginnen zu kriechen und Piranha-Pflanzen stimmen plötzlich ein Lied an. Hinzu kommen drei neue Verwandlungen, frei wählbare Abzeichen und eine ungewöhnliche Online-Funktion, bei der sich Spieler gegenseitig unterstützen können.
Das Ergebnis ist ein fantasievolles Jump ’n’ Run, das vertraute Mario-Mechaniken mit einer beinahe ununterbrochenen Folge neuer Ideen verbindet. Lediglich beim Schwierigkeitsgrad und den Bosskämpfen erreicht Wonder nicht durchgehend die Qualität seiner besten Level.
Bowser wird zum Schloss
Prinz Florian lädt Mario und seine Freunde in das Blumenkönigreich ein. Die friedliche Begrüßung wird jedoch von Bowser, Bowser Jr. und Kamek unterbrochen. Bowser berührt eine Wunderblume und verschmilzt daraufhin mit dem Schloss des Prinzen. Als fliegende Festung verbreitet Schloss-Bowser seinen Einfluss über das gesamte Königreich.
Mario, Luigi, Peach, Daisy, Toad und ihre Begleiter machen sich deshalb auf die Suche nach Wundersamen. Mit deren Kraft können sie neue Wege öffnen, die einzelnen Regionen vom Einfluss Bowsers befreien und schließlich dessen fliegendes Schloss erreichen.
Die Handlung bleibt bewusst einfach und hält sich mit langen Zwischensequenzen zurück. Das passt gut zu einem Spiel, das seine Geschichten hauptsächlich innerhalb der Level erzählt. Sprechende Blumen kommentieren Marios Aktionen, Bewohner reagieren auf Veränderungen und selbst kleinere Gegner erhalten durch Animationen deutlich mehr Persönlichkeit.
Zur Auswahl stehen zwölf spielbare Charaktere. Mario, Luigi, Peach, Daisy, Toadette sowie die beiden Toads besitzen dieselben Fähigkeiten. Dadurch kann die Lieblingsfigur gewählt werden, ohne auf einen bestimmten Sprung oder eine besondere Bewegung verzichten zu müssen. Yoshi und Mopsie richten sich an Einsteiger, da gegnerische Angriffe ihnen keinen Schaden zufügen. Yoshi kann zusätzlich Gegner verschlucken, flattern und andere Spieler tragen. Power-ups können beide Unterstützungsfiguren allerdings nicht verwenden.
Vertraut und trotzdem ständig neu
Die Steuerung bleibt so präzise und leicht verständlich, wie man es von einem 2D-Mario erwartet. Rennen, Springen, Stampfattacken und Drehbewegungen greifen sauber ineinander. Auf einen klassischen Zeitmesser verzichtet Wonder in den meisten Leveln. Dadurch kann die Umgebung in Ruhe untersucht werden, ohne dass ständig die verbleibenden Sekunden im Blick behalten werden müssen.
Das Blumenkönigreich besteht aus sechs größeren Welten und den zentralen Blüteninseln. Auf manchen Abschnitten der Weltkarte darf man sich frei bewegen und aus mehreren Leveln wählen. Für schwierigere Gebiete werden Wundersamen benötigt, die am Ende eines Levels, nach einem Wundereffekt oder in kleineren Herausforderungen vergeben werden.
Das Herzstück sind die Wunderblumen. Wird eine davon berührt, verändert sich der aktuelle Level grundlegend. Röhren erwachen zum Leben, Gegner wachsen zu riesigen Formen heran, die Perspektive wechselt oder Mario verwandelt sich selbst in eine ungewöhnliche Gestalt. Andere Effekte machen aus einer gewöhnlichen Plattformpassage plötzlich eine Verfolgungsjagd oder eine musikalische Aufführung.
Diese Überraschungen sind nicht nur kurze optische Gags. Häufig verändern sie Regeln, Bewegung und Aufbau des gesamten Abschnitts. Besonders stark ist, dass viele Einfälle nur in einem einzigen Level verwendet werden. Nintendo entwickelte während der Produktion mehr als 2.000 mögliche Ideen und wählte daraus die passenden Wundereffekte aus. Dadurch fühlt sich die Reise selten so an, als würde sie dieselbe Mechanik lediglich mit einer neuen Hintergrundfarbe wiederholen.
Neben Feuerblume und Superstern stehen drei neue Power-ups bereit. Die Elefantenfrucht verwandelt die Figuren in kräftige Elefanten, die Gegner mit ihrem Rüssel wegschlagen, Blöcke zerstören und Wasser transportieren können. Mit der Blasenblume werden Gegner eingefangen und schwebende Plattformen erzeugt. Der Bohrerpilz erlaubt es, durch Böden und Decken zu graben, Gefahren zu umgehen und versteckte Bereiche zu erreichen.
Alle drei Verwandlungen werden sinnvoll in das Leveldesign eingebunden. Die Blasenblume ist besonders vielseitig, weil ihre Geschosse gleichzeitig als Angriff und Sprunghilfe dienen. Der Bohrer eröffnet alternative Wege, während die Elefantenform vor allem durch ihre Animationen und die wuchtigen Bewegungen auffällt.
Abzeichen verändern Marios Fähigkeiten
Eine weitere Neuerung sind die Abzeichen. Vor einem Level kann jeweils eines ausgerüstet werden. Aktionsabzeichen verleihen neue Bewegungen, beispielsweise einen hohen Sprung aus der Hocke, einen Gleitflug mit der Mütze oder eine zusätzliche Kletterbewegung an Wänden. Unterstützungsabzeichen gewähren passive Vorteile, während Expertenabzeichen das Spiel mit Eigenschaften wie Unsichtbarkeit oder dauerhaftem Rennen schwieriger machen. Insgesamt enthält die ursprüngliche Switch-Fassung 24 Abzeichen.
Das System ist keine umfangreiche Charakterentwicklung, passt aber hervorragend zum schnellen Aufbau des Spiels. Ein Abzeichen kann dabei helfen, eine schwer erreichbare Blumenmünze einzusammeln oder einen bekannten Level auf eine neue Weise zu spielen. Gleichzeitig dienen einige Varianten als flexible Schwierigkeitsanpassung.
Schade ist, dass immer nur ein Abzeichen gleichzeitig verwendet werden kann. Viele Kombinationen wären spielerisch interessant gewesen. Dennoch erhöht das System den Wiederspielwert und gibt erfahrenen Spielern die Möglichkeit, eigene Herausforderungen zu schaffen.
Der allgemeine Schwierigkeitsgrad bleibt lange moderat. Die meisten Level sind auch ohne größere Jump-’n’-Run-Erfahrung gut zu bewältigen. Anspruchsvollere Abzeichenprüfungen, versteckte Ausgänge und die Spezialwelt verlangen später deutlich genaueres Timing. Der Hauptweg hätte trotzdem früher einige schwierigere Abschnitte vertragen können.
Weniger gelungen sind die Bosskämpfe. Mehrere Auseinandersetzungen setzen auf Bowser Jr. und variieren ähnliche Grundideen, anstatt den Einfallsreichtum der Wunderlevel fortzuführen. Auch die Luftschiffabschnitte enden vergleichsweise unspektakulär. Gerade weil das restliche Abenteuer beinahe ständig überrascht, fallen diese Wiederholungen besonders deutlich auf.
Gemeinsam durch das Blumenkönigreich
Lokal können bis zu vier Personen auf einer Konsole gemeinsam spielen. Power-ups werden geteilt und besiegte Figuren schweben kurzzeitig als Geister über den Bildschirm. Wird ein Geist rechtzeitig von einem Mitspieler berührt, verliert die Gruppe kein Leben.
Gemeinsam entsteht das bekannte Mario-Chaos: Spieler springen sich versehentlich auf den Kopf, verpassen Geheimwege oder versuchen gleichzeitig, eine Wunderblume zu erreichen. Die Kamera orientiert sich jedoch an einer führenden Figur. Wer zurückfällt oder eine andere Route untersuchen möchte, kann dadurch schnell aus dem Bild verschwinden. Außerdem verwendet die gesamte Gruppe dasselbe Abzeichen.
Der Online-Modus verfolgt einen ungewöhnlichen Ansatz. Andere Spieler erscheinen als halbtransparente Schatten, können keine Gegenstände stehlen und niemanden behindern. Sie helfen bei der Wiederbelebung, hinterlassen Aufsteller oder zeigen versteckte Wege. In privaten Räumen können sich bis zu zwölf Freunde versammeln, wobei höchstens vier gleichzeitig in einem Level unterwegs sind. Bestimmte Strecken lassen sich zusätzlich als Rennen spielen.
Dadurch entsteht keine klassische Online-Kampagne, sondern eine lockere Verbindung zwischen Spielern. Für direkte Zusammenarbeit ist das System eingeschränkt, als unaufdringliche Unterstützung funktioniert es dagegen ausgezeichnet.
Ein 2D-Mario voller Persönlichkeit
Super Mario Bros. Wonder gehört zu den ausdrucksstärksten Spielen der Reihe. Mario greift beim Betreten einer Röhre nach deren Rand, bremst mit sichtbarer Anstrengung ab und reagiert mit wechselnder Mimik auf seine Umgebung. Für Wonder wurde die Zahl der Animationen und Gelenke gegenüber dem vorherigen 2D-Titel mehr als verdoppelt.
Die farbenfrohen Hintergründe bleiben trotz zahlreicher Effekte gut lesbar. In der ursprünglichen Switch-Fassung läuft das Spiel überwiegend stabil mit 60 Bildern pro Sekunde. Im TV-Modus erreicht die dynamische Auflösung bis zu 1080p, im Handheld-Modus werden 720p dargestellt.
Auch musikalisch löst sich Wonder vom vertrauten Klang der New-Super-Mario-Bros.-Reihe. Instrumente, digitale Klänge und rhythmische Geräusche reagieren häufig direkt auf Bewegungen und Wundereffekte. Die sprechenden Blumen begleiten das Abenteuer mit kurzen deutschen Kommentaren. Wer sie als störend empfindet, kann ihre Sprache beziehungsweise Sprachausgabe in den Einstellungen anpassen.
Viele Geheimnisse hinter dem Fahnenmast
Für den Weg bis zum Abspann sollten je nach Erkundungsdrang ungefähr zehn bis 15 Stunden eingeplant werden. Wer alle Wundersamen, drei großen Blumenmünzen pro Level, goldenen Fahnenmasten, Abzeichen und geheimen Ausgänge finden möchte, wird deutlich länger beschäftigt.
Eine grüne Markierung zeigt an, ob ein Level vollständig abgeschlossen wurde. Fehlt sie trotz sichtbarer Sammelobjekte, verbirgt sich häufig ein geheimer Ausgang. Hinzu kommen Abzeichenprüfungen, Suchlevel und die deutlich anspruchsvollere Spezialwelt.
Der Umfang ist nicht riesig, wirkt durch die hohe Ideendichte aber angemessen. Kaum ein Level wird künstlich verlängert. Für Komplettisten bieten die versteckten Wege und schwierigeren Abschlussaufgaben genügend Gründe, das Blumenkönigreich erneut zu besuchen.
Fazit
Super Mario Bros. Wonder gibt der klassischen 2D-Reihe genau die Erneuerung, die sie benötigt hat. Die präzise Steuerung bleibt unverändert vertraut, während Wunderblumen, Abzeichen und neue Power-ups beinahe jeden Level mit einer eigenen Idee versehen.
Besonders die Wundereffekte sorgen dafür, dass man nie genau weiß, was hinter der nächsten Röhre wartet. Hinzu kommen ausdrucksstarke Animationen, ein lebendiger Soundtrack und zahlreiche kleine Geheimnisse. Sowohl Einsteiger als auch erfahrene Mario-Spieler finden passende Möglichkeiten, das Abenteuer im eigenen Tempo zu erleben.
Der moderate Schwierigkeitsgrad, die eingeschränkte Kamera im lokalen Mehrspieler und die wiederkehrenden Bosskämpfe verhindern den vollkommen perfekten Auftritt. Diese Schwächen ändern jedoch wenig daran, dass Wonder zu den kreativsten und spielerisch stärksten 2D-Abenteuern des Klempners gehört.